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Im Gegensatz zum «normalen» Krimi, der mit einem Verbrechen beginnt und dessen Aufklärung zeigt, beschäftigen sich diese «kriminologischen Fernsehspiele» mit den Umständen, die überhaupt erst zu einem Verbrechen führen, der Psychologie des Täters, wie er auf die schiefe Bahn geriet. Dabei geht es meist um kleinere Delikte, selten um Kapitalverbrechen. Der Staatsanwalt Dr. Peter Przybylski, Pressesprecher der Generalstaatsanwaltschaft der DDR, kommentiert das Gezeigte.
Ein spannender Krimi, in dem plötzlich ein echter Staatsanwalt mit strenger Brille auftaucht und die Dinge einordnet und erklärt? Es klingt nach harter propagandistischer Kost und Zuschauerabschreckung, doch tatsächlich war «Der Staatsanwalt hat das Wort» eine beliebte Reihe in der DDR und inhaltlich ein Fortschritt. Erstmals in einer DDR-Krimiserie kam nicht mehr alles Böse aus dem Westen. Hier ging es fast ausschließlich um Vergehen von DDR-Bürgern. Anlaß für die Kehrtwende war vermutlich, daß einige Jahre nach dem Mauerbau westliche Kriminelle nicht mehr glaubwürdig als Hauptquelle des Verbrechens in der DDR taugten.
Aber auch das neue Strafsystem sollte mit der Reihe, die nach dem Vorbild des westlichen «Das Fernsehgericht tagt» entwickelt wurde, unterhaltsam erklärt werden. Hauptanliegen sollte die Kriminalitätsprophylaxe sein. Deshalb kämpfte vor allem die Generalstaatsanwaltschaft der DDR sehr für die Reihe und setzte sich gelegentlich auch gegen Widerstände der überängstlichen Politiker durch, die jedes DDR-Vergehen im Krimi am liebsten verharmlost hätten. Eine 1979 gedrehte Folge («Risiko») zum heiklen Thema Republikflucht schaffte es - obwohl während der Flucht ein Kind stirbt und die Geschichte sehr abschreckend wirkt - dennoch nicht bis zur Ausstrahlung und lief erst 1990, nach der Wende.
Zu jeder Folge gab es Foren vor Ort, die den Kontakt zum Publikum herstellten. Autor, Regisseur und oft auch ein Staatsanwalt gingen in die Betriebe und beantworteten Fragen. Die Mischung aus fiktiver Spielhandlung und Kommentar kannten die Zuschauer schon aus dem Fernsehpitaval. Der Staatsanwalt hatte zunächst vor, während und nach dem Film das Wort, später nur noch davor und danach. Anfangs liefen drei Folgen jährlich in loser Reihe, in den 70er Jahren fünf, in den 80er Jahren sechs bis sieben. Nach zunächst wechselnden Sendeplätzen wurde die Reihe später im Wechsel mit dem Polizeiruf 110 sonntags abends ausgestrahlt, worauf in der Regel am nächsten Vormittag eine Wiederholung folgte.
Mit dem Ende der DDR lief auch diese Reihe aus. Noch nach der Wende trat Dr. Peter Przybylski in einer im Herbst 1989 gedrehten Folge auf, löste aber wütende Proteste aus. Danach wurde seine Rolle durch Schrifttafeln, Abmoderationen oder Live-Diskussionen ersetzt. Die letzten vier Ausgaben liefen in der DFF-Länderkette, die aus DFF1 und DFF2 hervorgegangen war. Die letzte, 140. Folge nach 26 Jahren trug den Titel «Bis zum bitteren Ende».
Überlegungen, die Reihe mit einem Richter als Kommentator unter dem Titel «Der Richter hat das Wort» fortzusetzen, wurden nicht weiterverfolgt.
Quelle: «Das Fernsehlexikon» (gebundene Ausgabe) / Autoren: Michael Reufsteck und Stefan Niggemeier.
Mehr zu diesem Thema: www.wikipedia.org ______
Eine noch im Frühjahr 1990 gedrehte Folge («Übergangslösungen» - Arbeitstitel: «Die Unterschrift» / Buch Michael Sobe / Regie Peter Kreusel) wurde aus bisher unbekannten Gründen nicht ausgestrahlt.
Außerdem wurden zwei Produktionen, die ursprünglich ebenfalls für die Reihe «Der Staatsanwalt hat das Wort» vorgesehen waren, zwar komplett fertiggestellt, dann aber ohne den «Staatsanwalt»-Vorspann als Einzeltitel gesendet:
«Lord Hansi» (Erstausstrahlung 27.10.1991 / Buch Wolfgang Ebeling / Regie Michael Knof)
«Fraktur» (Erstausstrahlung 13.04.1993 / Buch Rainer Berg und Matti Geschonneck / Regie Matti Geschonneck)
Insgesamt 12 Titel der Reihe «Der Staatsanwalt hat das Wort» gelten derzeit noch als verschollen. Zu einigen anderen liegen gegenwärtig nur Fragmente - zum größten Teil ohne Ton - in einer Länge von ca. 2 bis 30 Minuten vor. Bezüglich der ganz bzw. teilweise fehlenden Folgen ist kaum noch damit zu rechnen, daß diese Lücken jemals geschlossen werden können. Alle übrigen (ca. 120) Titel - einschließlich «Übergangslösungen» und «Lord Hansi» - sind in sendefähigem Zustand beim Deutschen Rundfunkarchiv Potsdam-Babelsberg verfügbar. «Fraktur» gehört, da die Fertigstellung erst nach 1991 erfolgte, nicht zum DRA-Bestand. Eine Sendekopie liegt im Archiv des MDR Leipzig. ______
Die bei Ankündigung von Wiederholungen durch einzelne ARD-Sender häufig vorkommende Änderung des Titels von «Der Staatsanwalt hat das Wort» in «Staatsanwalt» rührt vermutlich daher, daß die «erklärenden und erzieherischen Worte» des damaligen Staatsanwaltes Dr. Peter Przybylski - im Anschluß an den Handlungsteil des Films - nun einfach weggeschnitten und ausschnittweise durch Schrifttafeln ersetzt werden. - Auch eine Art der Vergangenheitsbewältigung durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen... ______
Aktueller Hinweis:
Der MDR hat Ende 2009 angekündigt, daß man - möglicherweise - nach Beendigung der zur Zeit chronologisch laufenden Wiederholungen zur Reihe «Polizeiruf 110» evtl. ab Herbst 2011 mit der Wiederholung der noch verfügbaren Titel aus der «Staatsanwalt»-Reihe beginnen könnte. Sobald hierzu verläßliche Informationen vorliegen, werden wir an dieser Stelle darauf hinweisen. ______
Aktueller Stand: 12. Januar 2010
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